Ein erneuter Blick auf die Juden

In den letzten beiden Betrachtungen haben wir nochmals schmerzlich gesehen, daß die Juden keinen organischen Weg zur Erkenntnis Jesu als des Messias fanden. Daß der Übergang, bzw. die Erfüllung des bisherigen Weges in der Nachfolge des Gottessohnes nicht nur möglich war, sondern auch tatsächlich geschah, zeigte sich bei den Aposteln des Herrn und bei jenen, die zum Glauben gefunden hatten. Besonders deutlich wurde dies beim heiligen Paulus, der aus den gelehrten Kreisen des Judentums stammte und seine Bekehrung und Erleuchtung als große Gnade erlebte. Gott war mit Vollmacht am Werk und bestätigte seinen Sohn auch durch Zeichen und Wunder. Da dies aber nicht erkannt wurde und stattdessen die Entfremdung immer größer wurde, gab es keinen gemeinsamen Weg mehr. Die Folge war der Ausschluß der Bekenner des Messias nach der Zerstörung des Tempels im Jahr 70 n. Chr. und der Neuorganisation des Judentums.

So traurig das sein mag, war diese Trennung wohl unvermeidlich, denn die Anerkennung des Gottessohnes als des Messias war das entscheidende Moment und wird es auch bleiben, welches die Türe der Gnade für die Menschheit öffnet. Die Antwort, ihm zu folgen, ist das entscheidende Moment, damit die Gnade, die der Gottessohn auf die Erde gebracht hat, die Menschen erreichen kann.

“Denn das Gesetz wurde durch Mose gegeben, die Gnade und die Wahrheit kamen durch Jesus Christus. Niemand hat Gott je gesehen. Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht.” (Joh 1,16)

Vom Aspekt der Wahrheit her gesehen waren keine gleichgültigen parallelen Heilswege möglich, denn sonst wäre ja das Kommen des Gottessohnes auf die Erde nicht nötig gewesen. Er hat das Gesetz und die Propheten erfüllt und als Lamm Gottes sein Leben für die Erlösung der Menschen geschenkt.

Der entscheidende Punkt bleibt die Erkenntnis im Heiligen Geist: “Keiner kann sagen: Jesus ist der Herr!, wenn er nicht aus dem Heiligen Geist redet” (1 Kor 12,3b). Diese Erkenntnis ist ein Geschenk Gottes, um das man bitten darf. Wie der Heilige Geist den Jüngern an Pfingsten das Licht über die Aussagen der Schrift schenkte und wie der Auferstandene seinen Jüngern die Schrift erschloß, so braucht es das übernatürliche Licht Gottes, um zu erkennen, wer Jesus ist und was alles daraus folgt. Dies erbitten wir für alle Menschen, besonders aber für jene, die schon so lange auf den Messias warten.

Heute ist ein verantwortliches Gespräch mit gläubigen und gesprächsbereiten Juden sinnvoll. Dabei kann ein theologischer Austausch über Dinge, die für beide Seiten wertvoll sind, fruchtbar werden, denn Jesus war ein Jude, wie auch seine Jünger. Solche Gespräche mögen auch einen Beitrag leisten, um der Bitterkeit einer leider oft auch dunklen Vergangenheit in der Beziehung zwischen Juden und Christen entgegenzuwirken.

Was aber weder dem Volk des Alten Bundes hilft noch der Mission entspricht, die Jesus seiner Kirche anvertraut hat, ist, wenn nun auf katholischer Seite zunehmend erklärt wird, daß der jüdische Weg in sich selbst einen gültigen Heilsweg darstellt und es keiner Bekehrung zu Jesus bedürfe. Das war schon vor fast zweitausend Jahren nicht so, ist es heute nicht und wird es auch in Zukunft nicht sein. Inzwischen wird diese irrige Sicht sogar noch auf andere Religionen ausgedehnt. Doch mit einer solchen Irreführung werden Juden, Christen, und auch Menschen anderer Religionen sowie Suchende getäuscht!

Es bleibt der Auftrag des auferstandenen Herrn, der eine Einladung Gottes für alle Menschen ist, durch seinen Sohn das Heil zu erlangen. Niemand soll dazu gezwungen werden, sondern die Wahrheit der Verkündigung muß durch ein glaubwürdiges Leben abgedeckt sein.

Immer wieder liegt mir das Anliegen des heiligen Paulus am Herzen, daß die Brüder seines Volkes, aus dem er stammte und die er geliebt hat, ihren Messias erkennen und den Weg zur heiligen Kirche finden. Ein Freund unserer Gemeinschaft hat diesen Weg gefunden, und wir freuen uns darüber, was das alles bewirkt hat. In einem Buch, das er herausgegeben hat, finden wir Zeugnisse einiger Juden, die ihren Weg zur Erkenntnis Christi schildern. Es macht Hoffnung, dies zu hören, und es zeigt, daß Gott selbst nicht aufgehört hat, nach seiner »ersten Liebe« zu suchen.

Wenn der Herr nicht aufhört, dann dürfen auch wir nicht aufhören, unseren Teil zu tun, damit die Juden heute ihren Messias erkennen. Und wenn es nur das inständige Gebet im Verborgenen ist – das sollten wir niemals unterlassen!

Zum Schluß möchte ich einen ehemaligen Rabbi aus dem erwähnten Buch zu Wort kommen lassen, der den Weg zu Jesus gefunden hat. Auf die Frage, warum er die Synagoge zugunsten der Kirche aufgegeben habe, antwortete der Rabbiner Eugenio Zolli:

“Aber ich habe sie nicht aufgegeben! Das Christentum ist die Vollendung, die Krönung der Synagoge. Denn die Synagoge war eine Verheißung, und das Christentum ist die Erfüllung dieser Verheißung. Die Synagoge hat auf das Christentum hingewiesen. Das Christentum setzt die Synagoge voraus. Sie sehen also, daß das eine ohne das andere nicht existieren kann. Ich bin zum lebendigen Christentum übergetreten. Kostet und seht!” (aus: Roy Schoeman: “Honey from the rock”)

Betrachtungen nach der Leseordnung des Novus Ordo:

zur Tageslesung: https://elijamission.net/die-fuehrung-des-heiligen-geistes-2/#more-14115

zum Tagesevangelium: https://elijamission.net/14111-2/#more-14111

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