Mai 2026
Vorwort: Dieses Schreiben mag all jenen dienen, die wahrgenommen haben, daß der Kurs des gegenwärtigen Pontifikats nicht nur leicht vom bisherigen Weg der Kirche abweicht, sondern an manchen Punkten so erheblich, daß er vom Glauben her nicht mehr bejaht werden kann. Eine fundamentale Krise der Kirche wird sichtbar.
Die Not der Gläubigen
Vielleicht vermag es denjenigen, der zum ersten Mal den Titel des Schreibens liest, erstaunen, daß von einer »Kirche in der Wüste« gesprochen wird. Wie ist das zu verstehen?
Ich halte diesen Titel für den geeignetsten, wenn ich die Situation jener Katholiken betrachte, die aus Glaubensgründen nicht mit der gegenwärtigen Kirchenleitung harmonieren wollen und können. Sie haben gewissermaßen ihre bisher so sichere Heimat verloren.
Wohin sollen denn Gläubige gehen, wenn sie erkennen, daß sich beispielsweise der sogenannte »synodale Prozeß«, der sich im letzten Pontifikat manifestiert hat und von Leo XIV. weitergeführt wird, als Abirrung vom bisherigen Weg der Kirche erweist? Wohin sollen sie gehen, wenn sich ein anderer Geist in der Kirche der aktuellen Hierarchie bedient und dieser Geist sogar mit dem Wirken des Heiligen Geistes verwechselt wird? Befinden sie sich nicht bereits in einer geistigen Wüste oder stehen kurz davor, sich in eine solche zu begeben?
Kleine Rückschau auf das Thema
Dieses leidige Thema habe ich zu behandeln begonnen, als ich merkte, daß die Kirchenleitung unter dem Pontifikat von Franziskus zunehmend Abwege beschritt1. Waren solche Abwege in der Praxis auch vorher schon vorhanden, so waren sie dennoch nicht von der Kirchenleitung sanktioniert. Die entscheidende Wende stellte das Nachsynodale Apostolische Schreiben Amoris laetitia (April 2016) von Franziskus dar. Vier Kardinäle haben noch zu intervenieren versucht, um die Kirche vor diesem Irrweg zu schützen. Doch sie bekamen auf ihre »Dubia« keine Antwort.
In der Folge dieses Schreibens wurde Katholiken, die in einer objektiv ungeordneten Beziehung lebten (das heißt in einer zweiten intimen Verbindung, während das Sakrament der Ehe noch bestand), ein Weg eröffnet, wie sie die heilige Kommunion empfangen konnten. Dieses Ansinnen wurde von Papst Benedikt XVI. aus theologischen Gründen noch eindeutig zurückgewiesen2. Die neue offizielle Richtung unter Franziskus veränderte dies jedoch nachhaltig. Für einige Gläubige wurde dies zur Gretchenfrage: Konnten sie einer Kirchenleitung weiterhin vertrauen, die sich im Widerspruch zu dem befand, was die Kirche zuvor gelehrt hatte?
Es zeigte sich bald, daß es sich nicht nur um eine einmalige Verfehlung handelte, da das Problem mit einer falschen pastoralen Perspektive gelöst werden sollte. Es folgten weitere schwerwiegende Irritationen, wie ich sie in der Serie über »Die fünf Wunden der Kirche«3 beschrieben habe. An wesentlichen Punkten der kirchlichen Lehre und Praxis wurde nun – sozusagen offiziell – ein neuer Weg beschritten. Wendet man die Unterscheidung der Geister an, so war diese neue Richtung weder vor dem Zeugnis der Heiligen Schrift noch vor dem Weg der Kirche durch die Jahrhunderte zu rechtfertigen. Offensichtlich hatte der oben bereits erwähnte andere Geist erheblichen Einfluß auf die Hierarchie der Kirche genommen. Es ist nicht schwer, wahrzunehmen, daß hier ein Blendwerk Lucifers in Verbindung mit dem menschlichen Geist diese Verwirrung geschaffen und somit das Licht der Wahrheit verdunkelt hat.
In diesem Schreiben will ich nicht alles wiederholen, was ich bereits gesagt habe! Wer mehr über meine Sichtweise zur aktuellen Lage der Kirche erfahren möchte, kann die verschiedenen Beiträge in meinem Blog nachlesen4. Nachdem der Nachfolger von Franziskus mehr als deutlich gemacht hat, daß er den Kurs seines Vorgängers Franziskus fortsetzen wird und dies auch tut, möchte ich noch einmal das Thema Kirche in der Wüste vergegenwärtigen5.
Was ist die Kirche in der Wüste?
Bei der Kirche in der Wüste – man könnte auch Kirche im Untergrund oder Kirche in den Katakomben sagen – handelt es sich nicht etwa um eine neue und andere Kirche, auch nicht um eine besondere Gemeinschaft oder eine Gründung. Nein, es sind Gläubige der katholischen Kirche, der Braut Christi, die sich für eine gewisse Zeit in die Wüste zurückziehen, um die Reichtümer der katholischen Kirche und ihren authentischen Glauben bewahren zu können.
Zu dieser Kirche in der Wüste gehören jene, die wahrgenommen haben, daß die derzeitige kirchliche Hierarchie einen apostatischen Weg beschritten hat. Sie erkennen daher eine schwerwiegende Notlage.
Verantwortungsträger der Hierarchie, die diesen Weg lehren und ihm nicht öffentlich entgegenwirken, haben damit ihre geistliche Autorität in Bezug auf die Ausübung ihres Amtes verloren. Daher können sie keine Gefolgschaft der Gläubigen erwarten. Die gute und wertvolle Tugend des Gehorsams – frei davon, ein blinder Gehorsam zu sein – kann jenen nicht geleistet werden, die selbst in den Widerspruch zur Lehre und Praxis der Kirche geraten sind und darin verharren. Es kann sogar so weit kommen, daß das Amt zur Ausbreitung irriger Lehren und Praktiken mißbraucht wird.
Diese Erkenntnis ist sehr wesentlich, um die Dimension der Kirche in der Wüste zu verstehen. Diese nimmt, von einem antichristlichen Geist beeinflußt, nicht wahr, daß sie jenem verderblichen Modernismus die Tür weit geöffnet hat, vor dem vorkonziliare Päpste nachdrücklich gewarnt haben. Eine Kirche, die sich dem Geist der Welt anpaßt und keine Hirtenfunktion und kein Korrektiv für die Welt mehr darstellt, verliert ihre von Gott geschenkte Identität.
Wie soll sich das Leben in der geistigen Wüste und der geistliche Widerstand gestalten?
Die Gläubigen werden eine Weile in dieser Wüste zu leben haben und nur mit jenen Geistlichen dauerhaft kooperieren können, die der Lehre der Kirche treu bleiben und ihrerseits eindeutig eine Distanz zu den Verirrungen der Hierarchie legen. Den Geistlichen wird zunehmend die Aufgabe zuwachsen, diesen Gläubigen die Sakramente zu spenden und sie in einem konsequenten geistlichen Leben zu unterstützen. Dies kann in sogenannten “eucharistischen Häusern” geschehen – wie es sie zu den Zeiten der “Cristeros” in Mexiko oder der englischen Katholiken, die sich vor dem Zugriff der Anglikaner zu verbergen hatten, gab. Verborgene Orte, vielleicht auch private Kirchen und Kapellen, werden dazu dienen.
Es bleibt zu hoffen, daß immer mehr Priester und – gebe Gott – auch einsichtige Bischöfe die ganze tragische Dimension der Notsituation begreifen, die Konsequenzen ziehen und den Gläubigen im Verborgenen dienen, damit die “kleine Herde” durch ihre Dienste gestützt wird.
Aus der Einsicht, daß die gegenwärtige Hierarchie einen gefährlichen Irrweg eingeschlagen hat, muß sich ein geistlicher Widerstand bilden.
Das Gebet, der Weg der Heiligkeit, das verborgene Opfer, die klare Verkündigung des Wortes Gottes, die kompromißlose Verteidigung der Lehre der Kirche, das Festhalten am überlieferten Schatz der Kirche und nicht zuletzt die Feier würdiger Heiliger Messen, ohne Banalisierung oder gar Entsakralisierung, sind geistliche Waffen, die es einzusetzen gilt. So wird die Kirche in der aktiven Führung Gottes bleiben können, auch wenn sie eine Zeitlang der Führung durch das vom Herrn der Kirche eingesetzte Amt verlustig ist.
Mögen viele erkennen, daß der Weg in die Wüste – auf die eine oder andere Art – in dieser Notzeit der angemessene Weg ist! Möge der Herr ihnen die Kraft schenken, daß sie bereit sind, eher Verfolgung und Ablehnung auf sich zu nehmen, als mit Irrwegen zu kooperieren und den Herrn in irgendeiner Weise zu verleugnen!
Kontakt: ecclesiaindeserto@elijamission.net
1 Im Mai 2024 verfaßte ich ein erstes Schreiben über “DIE KIRCHE IN DER WÜSTE“
https://elijamission.net/blog-post/kirche-in-der-wueste/
2 1993 veröffentlichten drei deutsche Bischöfe (unter ihnen Walter Kardinal Kasper) einen Pastoralbrief, in dem sie die Zulassung der wiederverheirateten Geschiedenen zur Kommunion vorgeschlagen haben. Die Glaubenskongregation (damals unter Kard. Ratzinger) hat die Anfrage zurückgewiesen und mit einem Brief an alle Bischöfe mit klärenden Worten zu diesem Thema geantwortet (https://www.vatican.va/roman_curia/congregations/cfaith/documents/rc_con_cfaith_doc_14091994_rec-holy-comm-by-divorced_ge.html).
5 In seiner Ansprache an das Kardinalskollegium vom 10. Mai 2025, nur zwei Tage nach seiner Wahl, erklärte Leo XIV.: „In diesem Zusammenhang möchte ich, dass wir heute gemeinsam unsere volle Zustimmung zu diesem Weg erneuern, den die Weltkirche seit Jahrzehnten in der Folge des Zweiten Vatikanischen Konzils eingeschlagen hat. Papst Franziskus hat dessen Inhalte (…) ausgezeichnet in Erinnerung gerufen und aktualisiert“ (https://www.vatican.va/content/leo-xiv/de/speeches/2025/may/documents/20250510-collegio-cardinalizio.html ).
Die verwirrenden Ernennungen von Bischöfen und anderen kirchlichen Amtsträgern durch Leo XIV. machen deutlich, welchen Kurs er eingeschlagen hat. Auch die Betonung einer „synodalen Kirche“ und seine Unterstützung für den von Franziskus eingeleiteten „synodalen Prozeß“ weisen eindeutig in eine bestimmte Richtung.
