ZU EHREN DER HEILIGEN JEANNE D’ARC: »Jeanne wir nach Rouen gebracht« (VIII)  

Mit der Gefangennahme von Jeanne d’Arc wurde sehr bald klar, was die Engländer mit ihr vorhatten. Sie war nicht einfach nur eine prominente Gefangene, sondern wegen ihr hatte die kriegerische Dominanz der Engländer in Frankreich ein Ende gefunden. Daher wußten sie sehr genau, was die Ursachen ihrer Niederlagen waren. Ihre Interpretation hieß, sie sei eine Hexe und damit eine vom Teufel beeinflußte Frau, die diese Wende zu ihren Ungunsten herbeigeführt hatte.

Mit der Niederlage von Jeanne in Paris – so wurde dies allenthalben interpretiert – war für die Gegner der Jungfrau der Nimbus ihrer Unbesiegbarkeit verloren. Ihre Gefangennahme vor Compiègne bestätigte dies noch mehr. Gegen einen beträchtlichen Geldbetrag wurde Jeanne von den Burgundern an den englischen König ausgeliefert. Es trat nun ein, was Jeanne befürchtet hatte. Sie geriet in die Hände ihrer Feinde.

Es wurde sogleich deutlich, wie die Engländer weiter verfahren wollten. Es reichte ihnen nicht, Jeanne als Kriegsgefangene zu behandeln, sondern sie sollte als Hexe von einem kirchlichen Gericht verurteilt werden. Damit wollten sie erreichen, daß die Autorität des französischen Königs infrage gestellt wird. Wenn die Kirche die Jungfrau als Hexe und Ketzerin verurteilen würde, wären all ihre Taten, sowohl die Krönung des Königs als auch die Siege der Franzosen, mithilfe des Teufels geschehen. Auf diesen Plan arbeiteten sie hin.

Um ihn zu verwirklichen, brauchten sie allerdings die Mithilfe der Kirche, denn nur ein kirchliches Gericht konnte Jeanne als Ketzerin und Hexe verurteilen.

Sie fanden willige Kleriker, die entweder auf ihrer Seite standen oder den übernatürlichen Vorgängen um die Jungfrau von Orléans ablehnend gegenüberstanden.  Eine kirchliche Gestalt tritt dabei besonders hervor. Es ist der Bischof von Beauvais. Lange hatte er schon Kontakt mit den Engländern gepflegt. Als sich Beauvais auf die Seite des französischen Königs stellte, floh er nach Rouen.

Bischof Cauchon wurde nun zum Hauptagitator, der den kirchlichen Prozeß gegen Jeanne vorantrieb und durchführte. Ob er überzeugt war, das Richtige zu tun, oder aus Karrieresucht handelte – er spekulierte wohl, Erzbischof von Rouen zu werden – oder aus politischer Überzeugung, überlassen wir dem Urteil Gottes.

Im späteren Verfahren gegen Jeanne wurden jedoch schwere Rechtsverstöße offenbar und Gewaltdrohungen gegen jene Beisitzer des Tribunals ausgesprochen, die etwas Positives über Jeanne berichteten, und vieles mehr. Cauchon stand im Dienst des Königs von England, der den Prozeß gegen Jeanne d’Arc finanzierte. Er begründete seinen Anspruch, Ankläger gegen Jeanne zu werden, damit, daß sie in seiner vorherigen Diözese Beauvais gefangengenommen wurde, und erhielt dazu die Zustimmung der kirchlich Verantwortlichen von Rouen.

Wenn wir bald schon auf den Prozeß in Rouen schauen und erschrecken, wie die kirchliche Hierarchen hier bereits mit einem vorgefertigten Plan der Engländer in ihre politischen Pläne eingespannt wurden, erinnert uns das an den Prozeß Jesu. Auch hier gab es ein unseliges Zusammenwirken von religiöser Autorität und staatlicher Macht. Im Falle Jesu wurde seine Hinrichtung jedoch von den religiösen Führern vorangetrieben.

Was hat die von Bischof Cauchon ausgesuchten Richter dazu bewegt, in dieser Weise mit Jeanne zu verfahren, wie wir es noch genauer hören werden? Sie wirkten daran mit, eine unschuldige Heilige dem Schimpf eines Feuertodes auszuliefern, ihr die Ehre zu nehmen und sie als Abtrünnige von der Kirche und als Hexe zu verleumden. Damit sollte auch ein Schatten auf das große Werk Gottes fallen, das durch die Jungfrau von Orléans geschehen war. Insofern war dieser ungerechte Prozeß auch ein schwerer Angriff auf die Ehre der Kirche und die Ehre Gottes. Und sie, die als ehrenwerte Männer der Kirche galten, wurden Handlanger des Bösen.

Man mag einwenden, daß alle am Prozeß Beteiligten das nicht gewußt haben und die meisten von ihnen vielleicht sogar im guten Glauben handelten. Das ist möglich, denn selbst bei der Kreuzigung des Gottessohnes rief Jesus: Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun(Lk 23,34). Auch der heilige Petrus sprach ähnlich in der Pfingstpredigt. Doch gilt es, die Sache geistlich objektiv zu betrachten.

Die Engländer führten mit diesem Prozeß einen teuflischen Plan durch und fanden klerikale Helfer. Um die Schwere und Finsternis dessen zu begreifen, was geschehen sollte, muß man sich vergegenwärtigen, daß Jeanne d’Arc im Auftrag Gottes handelte und daß der Erzengel Michael und ihre Heiligen sie konkret zu ihren Taten anleiteten. Ihr persönliches Zeugnis der Heiligkeit stand zudem – von vielen Menschen bezeugt –außer jedem Zweifel. Die Richter hatten es also mit einer Heiligen zu tun, die nichts anderes tat, als den Willen Gottes zu erfüllen. Sie als Hexe verurteilen zu wollen und durch ihr Urteil den Weg frei zu machen, daß sie auf dem Marktplatz in Rouen verbrannt wurde, ist erkennbar ein Werk des Teufels in der Zusammenarbeit mit meist verblendeten und fehlgeleiteten Menschen.

Objektiv betrachtet stellt der Prozeß gegen die Jungfrau von Orléans und ihr entehrender Tod ein furchtbares und grausames Vergehen dar, so wie es auch der Tod Jesu am Kreuz in Jerusalem war. Nur die Güte und Barmherzigkeit Gottes vermag es, eine solch furchtbare Tat in seinen Heilsplan einzufügen.

Zu diesem Prozeß der Schande ist die Jungfrau jetzt unterwegs. Während sie in der Gefangenschaft der Burgunder noch relativ milde behandelt wurde, änderte sich das, als die Engländer sie nach Rouen an jenen Ort brachten, der ihnen der sicherste schien, weil sich dort die Hauptresidenz des englischen Königs in Frankreich befand.

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