Nachdem Orléans von der Belagerung befreit worden war, drängte es Jeanne, ihre nächste Voraussage zu erfüllen und den König nach Reims zur Krönung zu führen. Sie wußte durch ihre Stimmen, daß sie nicht viel Zeit hatte, um ihre Mission zu erfüllen, und es galt, die Gunst der Stunde zu nutzen. Die Engländer waren geschwächt, die französischen Soldaten hingegen ermutigt. Der Graf von Dunois berichtet:
“Nach der Befreiung von Orléans zogen wir gemeinsam – die Jungfrau, ich und andere – zum König, der sich im Schloß von Loches befand, um von ihm neue Truppen zu verlangen zur Rückeroberung der Festungen und Städte an der Loire, besonders von Meung, Beaugency und Jargeau, damit er künftig sicherer und ungestörter operieren könnte bis nach Reims zu seiner Krönung; Jeanne trieb den König, flehentlich und unermüdlich drängend, zur Eile an. Sie warnte ihn, zu zögern. Von diesem Augenblick an handelte der König mit aller erdenklichen Eile und entsandte den Herzog von Alençon, andere Kriegsherren und mich – zusammen mit Jeanne – zur Einnahme jener Städte und Schlösser. Und tatsächlich wurden sie erneut unter die Herrschaft des Königs gebracht – durch Johannas Hilfe, wie ich meine.”
Immer wieder mußte Jeanne sich jedoch gegen andere Vorstellungen durchsetzen, wie man nun im Krieg weiter verfahren sollte. In diesem Abschnitt ihrer Mission gelang es ihr. Sie mahnte den König immer wieder, nicht so lange Rat zu halten. Er hörte auf sie, sodaß der Weg nach Reims zu seiner Krönung frei wurde.
Über die Art der Kriegsführung, die Jeanne entscheidend mitbestimmen konnte, ist Folgendes zu bemerken: Bevor sie die Engländer angriff, sandte sie Schreiben an den englischen König und dessen Befehlshaber sowie an die mit ihnen verbündeten Burgunder. In diesen Schreiben bot sie ihnen an, in Freiheit abzuziehen, wenn sie sich ergäben. Sie duldete es nicht, daß die französischen Soldaten Grausamkeiten begingen oder sich beispielsweise an Kircheneigentum vergriffen, wenn sie die Ortschaften und Städte wieder unter die Herrschaft des Königs von Frankreich brachten. Sie schützte auch die dortigen Priester, die den kirchlichen Dienst in den besetzten Städten durchgeführt hatten. Insgesamt zeigte sie große Barmherzigkeit gegenüber den Feinden und war besonders um ihr Seelenheil besorgt.
Wir können festhalten, daß Jeanne einen »gerechten Krieg« führte und ihr ganzes Eingreifen in die aussichtslose Situation Frankreichs unter der Fremdbesetzung der Engländer auf Weisung Gottes geschah. Sie betonte immer wieder, daß sie gerne zu ihrer Familie zurückgegangen wäre, wenn ihr diese Mission nicht anvertraut worden wäre. Sie blieb ein durchaus empfindsames Mädchen – sie war damals siebzehn Jahre alt –, das kein Blut sehen wollte und auch sehr verletzt reagierte, wenn die Engländer sie beleidigten.
In ihren Entscheidungen und in allem, was das Kriegshandwerk betraf, zeigte sie jedoch eine Sicherheit und auch praktische Klugheit, die selbst die erfahrenen Anführer der verschiedenen Truppen in Erstaunen versetzte. Solange auf Jeanne gehört wurde, erfüllten sich ihre Voraussagen auf das Genaueste. Ihr gottgewirktes Eingreifen steht als leuchtendes Beispiel in der Geschichte da: wie durch das Zusammenwirken von König und Kirche unter der Autorität einer von Gott gesandten Botin die Not eines Landes gewendet wurde.
Jeanne bat Karl VII., seine Königsherrschaft unter den König des Himmels zu stellen und als dessen Diener zu wirken, was dieser auch auf Anraten der Jungfrau tat.
Schließlich konnte der König am 17. Juli 1429 in Reims in der Gegenwart von Jeanne, die ihre Fahne bei sich trug, gekrönt werden. Es war eine große Stunde für Frankreich und für die Jungfrau von Orléans. Es erfüllte sich, was Gott ihr verheißen und aufgetragen hatte.
In den Verlautbarungen des „Moronis Journal”, einer Zeitung, welche die Ereignisse von damals zusammenfaßte, hieß es: “Die Franzosen kamen nach Reims, wo die französischen Könige gekrönt werden. Am Samstag, den 16. Juli, kam der Dauphin, und die Tore der Stadt wurden ihm ohne Gegenwehr geöffnet. Am Sonntag, den 17. Juli, wurde er mit großer Festlichkeit gekrönt.”
Am selben Tag ließ Jeanne an den burgundischen Prinzen Philipp den Guten, der weder auf ihre Einladung noch auf die Einladung des Cousins des Königs geantwortet hatte, folgenden Brief schreiben:
“Hoher und ehrwürdiger Prinz, Herzog von Burgund, die Jungfrau bittet euch im Namen des Königs des Himmels, meines rechten und souveränen Königs, daß der König von Frankreich und Ihr einen guten und festen Frieden schließt, der lange dauern soll. Vergebt einander mit aufrichtigem Herzen vollständig als gläubige Christen […]. Ich flehe Euch mit gefalteten Händen an, daß Ihr nicht gegen uns kämpft. Glaubt, egal welche Anzahl ihr gegen uns aufbringt, daß ihr nie siegen werdet! Es wird durch eine Schlacht großer Schaden entstehen und das Blut jener vergossen werden, die gegen uns kämpfen.”
Nach der Krönung Karls VII. kam es jedoch zu einer anderen Entwicklung, auf die Jeanne keinen entscheidenden Einfluß mehr nehmen konnte. Es kam zu Verhandlungen zwischen dem König und den Sendboten des Herzogs von Burgund, von denen Jeanne absichtlich ausgeschlossen wurde. Die Folge war, daß der Schwung der königlichen Armee gebremst wurde und es zu falschen Versprechungen seitens der Burgunder kam, die nur Zeit gewinnen wollten. Der Verrat, den Jeanne befürchtete, hatte begonnen.
