Es war der 30. Mai 1431 in Rouen in Frankreich – einen Tag nach dem Fest der Allerheiligsten Dreifaltigkeit.
Am Morgen hatten sich auf dem dortigen alten Marktplatz in der Nähe der Erlöserkirche viele Menschen versammelt. Neben dem Volk, das sich dort einfand, und dem Klerus, waren viele Soldaten anwesend. Allerdings waren es keine französischen Soldaten, sondern englische, denn Rouen war eine der Städte, die im Hundertjährigen Krieg zwischen Frankreich und England noch unter englischer Herrschaft stand.
Auf dem Marktplatz war ein Gerüst aufgebaut, und dort stand eine junge Frau, neunzehn Jahre alt. Wegen dieser Frau hatten sich die Menschen versammelt, geistliche und weltliche Herren.
Auf diese junge Frau richteten sich alle Blicke.
Wer war sie? Warum stand sie dort?
Nun hielt Nicolaus Midi, Doktor der Heiligen Theologie, vor der ganzen Versammlung eine Predigt über Vers 26 aus dem zwölften Kapitel des ersten Briefes des Apostels Paulus an die Korinther:
“Wenn ein Glied an etwas leidet, leiden die anderen Glieder mit.”
Was hat dieser Text mit dieser noch so jungen Frau zu tun?
Dann trat ein Bischof hervor! Es war Monseigneur Cauchon aus Beauvais. Er verkündet ein Urteil über diese Frau.
Diese Frau ist Jeanne d’Arc.
Der Bischof spricht ein schreckliches Urteil über jene aus, die später von der Kirche als Heilige anerkannt wird. Ein Urteil voller Unwahrheiten, dem ein ungerechtes Gerichtsverfahren vorausging, welches später annulliert wurde.
Es mögen einige dieser Worte genügen, die uns andeuten, was diese junge Frau, die wir heute als die Heilige Jungfrau von Orléans ehren, zu erleiden hatte!
So sprach der Bischof:
“Im Namen des Herrn. Amen.
Wann immer der Irrglaube mit seinem verpesteten Gift ein Glied der Kirche ansteckt und in ein Glied des Satans verwandelt, so muß man mit brennendem Eifer verhindern, daß die gefährliche Ansteckung auch auf die anderen Teile des mystischen Leibes Christi übergreife. So haben die Verordnungen der Kirchenväter vorgeschrieben, daß die hartnäckigen Häretiker besser aus der Mitte der Gerechten ausgeschieden werden, als daß – zur großen Gefährdung der Gläubigen – das Gift der Schlange im Schoß der heiligen Mutter Kirche gehegt werde.
Darum erklären Wir, Pierre, durch Gottes Barmherzigkeit Bischof von Beauvais, und Bruder Jean le Maistre, besonders mit dem Prozeß beauftragter Stellvertreter des erlauchten Doktors Jean Graverent, des Inquisitors für ketzerische Verkehrtheit, Euch, Johanna, gemeinhin die Jungfrau genannt, als Abtrünnige, Götzendienerin, Teufelsbeschwörerin.”
Johanna wurde nach der Verlesung des Urteils dem weltlichen Arm übergeben und umgehend auf dem Scheiterhaufen bei lebendigem Leib verbrannt.
Wie konnte so etwas geschehen?
Sobald wir an den Herrn selbst denken, werden die Dinge deutlicher. Wenn der Sohn Gottes zum Tode verurteilt und gekreuzigt wird, ohne je eine Sünde begangen zu haben, wenn der Gesandte des Vaters und Messias der Menschheit, der Kranke geheilt, Tote erweckt und Besessene befreit hat, von jenen verfolgt wird, zu denen er gesandt war, dann kann auch eine heilige Jungfrau wie Jehanne d’Arc als Ketzerin und Hexe verbrannt werden. Es sind dieselben Mächte der Finsternis am Werk, die sich der Menschen bedienen, sie täuschen und in ihren bösen Neigungen stärken, um all das, was von Gott zeugt, möglichst erlöschen zu lassen. Es reichte den Feinden Johannas nicht aus, ihren Ruf zu zerstören, sie öffentlich zu demütigen und vor aller Augen zu verbrennen.
Wie Bruder Ysambert de la Pierre im Jahr 1450 auf Befragung berichtete, kam der Henker von Jeanne völlig verzweifelt und reuig zu ihm und einem Mitbruder. Er versicherte und beteuerte, daß trotz des Öls, des Schwefels und der Kohle, die er zur Verbrennung der Eingeweide und des Herzens hinzugegeben hatte, das Feuer diese nicht verzehrt, und weder die Eingeweide noch das Herz in Asche verwandelt worden waren, worüber er sich erstaunte, wie vor einem offensichtlichen Wunder. Doch auch dieses Zeugnis wollte man vernichten und warf das Herz von Jeanne in die Seine.” (aus den Zeugenaussagen zur Rechtfertigung von Jeanne)
Doch die Gegenwart Gottes in einer Heiligen kann man nicht vernichten. Alles, was aus Liebe und in Wahrheit getan, wird, gerät im Gedächtnis Gottes nie in Vergessenheit. Im Fall von Jehanne ist ihr Leben gut dokumentiert. Wer möchte, wird eine wunderbare und große Liebesgeschichte entdecken. Gewiß hat man später auch noch versucht, das Gedächtnis an Jeanne d’Arc zu verdunkeln und zu instrumentalisieren, und nicht selten ein Zerrbild von ihr geschaffen. Ihr Zeugnis leuchtete zu hell auf, als daß die Finsternis es nicht mit ihrem Schatten zu bedecken suchte.
Wer sich jedoch auf die Suche nach dem Herz der heiligen Jehanne d’Arc macht, wird es finden und sich an das Wort aus dem Hohelied erinnern:
“Leg mich wie ein Siegel auf dein Herz, wie ein Siegel an deinen Arm! Stark wie der Tod ist die Liebe, die Leidenschaft ist hart wie die Unterwelt. Ihre Gluten sind Feuergluten, gewaltige Flammen. Auch mächtige Wasser können die Liebe nicht löschen; auch Ströme schwemmen sie nicht weg. Böte einer für die Liebe den ganzen Reichtum seines Hauses, nur verachten würde man ihn.” (Hld 8,6-7)
Die große Liebe der Heiligen gehörte Gott und ihrem Vaterland Frankreich. Sie lebte und starb für die Mission, die ihr der himmlische Vater anvertraut hatte. Da finden wir ihr Herz, in dem sich der heilige Gott so wunderbar verherrlicht und in das er seine Liebe zu dieser Jungfrau eingesenkt hat. Jeanne starb mit dem Namen Jesu auf den Lippen: Siebenmal rief sie den Namen Jesu, bevor ihr junges Leben beendet war und der himmlische Vater sie zu sich in die Ewigkeit rief.
