Die Gabe der Wissenschaft

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„Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sich selbst verliert und Schaden nimmt?“ (Lk 9,25)

Durch die Gaben der Gottesfurcht, der Frömmigkeit, der Stärke und des Rates lenkt der Heilige Geist vor allem unser sittliches Leben.

Mit den Gaben der Wissenschaft, des Verstandes und der Weisheit lenkt er unmittelbarer unser übernatürliches, auf Gott bezogenes Leben. Die ersten vier Gaben vollenden vornehmlich die sittlichen Tugenden, die letzten drei die göttlichen; sie sind sozusagen die Gaben des beschaulichen Lebens, nämlich des Lebens des Gebetes, der Vereinigung mit Gott.

Auf unserem Weg der Nachfolge des Herrn können wir leicht in Versuchung geraten, dem sog. Locken der Geschöpfe zu erliegen und mit ihnen ungeordnete Bindungen einzugehen. Die Unsichtbarkeit Gottes ist für uns sinnliche Menschen nicht leicht zu ertragen, und so fällt es uns schwer, im rechten Verhältnis zur sichtbaren Welt mit ihrer Anziehungskraft zu leben.

Zwar wissen wir durch die Heilige Schrift von der Eitelkeit der geschaffenen Dinge, wie sie besonders das Buch Kohelet sehr anschaulich beschreibt, doch dringt dieses Wissen nicht in das Innere ein. Es bleibt ein Wissen des Glaubensverstandes. Durch die Askese versuchen wir das rechte Verhältnis zu den „geschaffenen Dingen“ zu erlangen, nicht zu sehr an sie gebunden zu sein und den nötigen Abstand zu wahren. Auf die Dauer reicht dies nicht aus, denn es gilt, noch tiefer zu erfassen, daß die Geschöpfe aus sich heraus „nichts“ sind.

Die Gabe der Wissenschaft läßt uns jedoch die „Nichtigkeit der Dinge“ in einer so klaren Weise erfahren, daß kein Zweifel mehr möglich ist. Sie überzeugt uns von der Unbeständigkeit und Mangelhaftigkeit der geschaffenen Dinge. Deswegen treibt sie uns an, all unser Hoffen auf Gott zu setzen. Unser Herz soll sich allein in Gott verankern.

Es genügt nicht, allein die Welt im allgemeinen zu „verachten“ und zu ihr Distanz zu nehmen; sondern der Heilige Geist führt uns dazu, daß wir den Eitelkeiten in ihren feinsten Äußerungen nachgehen; in den kleinen Genugtuungen der Eigenliebe, der geringsten Selbstgefälligkeit, dem leisesten Werben um die Gunst und Achtung anderer Menschen.

Unter dem Einfluß der Gabe der Wissenschaft lernen wir ganz deutlich, daß es das Wesentliche ist, Gott anzuhangen; alles übrige ist Nebensache und oftmals auch eitel!

Doch wenn wir gelernt haben, in Gott diese Welt zu betrachten, werden die Geschöpfe statt zu einem Hindernis zu einer Leiter zu Gott, da die Seele in ihnen die Werke seiner Hände sieht. Wenn die Gabe der Wissenschaft die Seele erleuchtet hat, dann stören die Geschöpfe nicht mehr auf dem Weg zu Gott! Ob sie in ihrer Nichtigkeit oder Schönheit geschaut werden, ob wir sie lassen oder nach Notwendigkeit in der rechten Weise gebrauchen; sie werden nun zu Antrieben zu Gott hin, ihn zu suchen und zu lieben, ihn, die einzige und unendliche Schönheit.

Je mehr wir uns mit Gott verbinden, umso mehr werden wir bereit sein, nicht mehr nach irdischem Gut und Glück zu suchen. Die Gabe der Wissenschaft läßt uns auch die gegenwärtigen Leiden als leicht einschätzen gegenüber der ewigen Seligkeit (vgl. Röm 8,18). Das gilt auch für das Martyrium. Sie versteht die aus Liebe umfangenen Leiden.

Die Gabe der Wissenschaft belehrt die Seele auch über sich selbst. Sie durchdringt das eigene Leben und vermag die Fügungen Gottes zu erkennen. Es kristallisiert sich ein persönliches Ideal heraus, der Gedanke, den Gott für unser Leben hat; der Mensch vermag das Leitmotiv seines Lebens zu identifizieren und kommt so in Frieden; der Mensch erkennt seine Aufgabe; die Heilige Schrift spricht stärker zu ihm und erschließt einen immer tieferen Sinn; die Evangelien werden lebendig. Die Seele lernt das Herz des Erlösers immer tiefer von innen heraus kennen. Der Mensch, in dem die Gabe der Wissenschaft wirkt, will andere zur tieferen Nachfolge des Herrn führen und mit aller Kraft an der Rettung der Seelen arbeiten.

Mit der Gabe der Wissenschaft lernen wir also die Nichtigkeit der Geschöpfe von innen heraus kennen. In der mystischen Tradition nennt man es das „Ausziehen aus den Geschöpfen“. Damit ist gemeint, daß man nicht mehr das Glück und die Befriedigung in den geschaffenen Gütern sucht, sondern allein in Gott. Aus diesem Hintergrund sagt uns eine heilige Teresa von Avila: „Gott allein genügt“. Und mit diesem Hintergrund verstehen wir die Schule der negativen Mystik eines heiligen Johannes vom Kreuz, der alles und jedes in sich mit dem Herrn vereinigen möchte, und daher alles Geschaffene zurücklässt.

Wenn auch die Sprache der Mystiker manchmal ähnlich erscheint, bleibt doch immer ein großer Unterschied zwischen einem christlichen und einem hinduistischen bzw. buddhistischen Mystiker. Bei der christlichen Mystik geht es um das Überwinden einer ungeordneten Anhänglichkeit an die gut geschaffene Schöpfung Gottes, die uns hindert, Gott tiefer zu begegnen. In der hinduistischen Mystik ist die Schöpfung in sich Täuschung, die man hinter sich zurücklassen muß. Sie geht also von einem anderen Gottesbild aus.

Wesentlich ist zu verstehen, daß es sich hier schon um Gaben handelt, die uns eine innere, kontemplative Sicht der Dinge vermitteln. Die Erfahrung der Nichtigkeit der Dinge geschieht nicht durch äußeres Nachdenken, sondern durch ein Innewerden dieses Tatbestandes, welche die Seele sehr tief prägt und das ganze geistliche Leben beeinflusst. Wenn also die innere Loslösung von der sichtbaren Welt geschieht, oder anders ausgedrückt: wenn durch die Hilfe des Heiligen Geistes die wahre Hierarchie der Werte hergestellt wird, dann wächst eine große Freiheit und wir können uns in dieser Welt so bewegen, daß sie uns nicht an der tieferen Vereinigung mit Gott hindert, sondern sogar alles zu einem Weg zu Gott werden kann!

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