WACHSEN IN DER LIEBE

Einst fragte die Heilige Gertrud den Herrn, warum er es zugelassen habe, daß gewisse Leute sie beängstigten. Der Herr antwortete ihr: “Wenn die väterliche Hand das Kind züchtigen will, so vermag die Rute keinen Widerstand zu leisten. Deshalb wünschte ich, daß meine Auserwählten es niemals den Menschen anrechneten, durch welche sie geläutert werden, sondern auf meine väterliche Liebe schauten, da ich ja niemals auch nur dem leisesten Winde gestatten würde, wider sie zu wehen, wenn ich nicht ihr ewiges Heil im Auge hätte. Sie aber sollten mit jenen Mitleid haben, die sich zuweilen beflecken, während sie selber gereinigt werden.”

Mit dieser Antwort werden wir in die Hochschule unseres Vaters geführt, in der er uns auf dem Weg der Liebe vorankommen lassen möchte. Es sind sehr konkrete Weisungen, wie das Gebot des Herrn: “Liebt eure Feinde!” (Mt 5,44), das uns weit übersteigt, verwirklicht werden kann.

Die Worte an die Heilige Gertrud lehren uns, daß wir in Situationen, in denen wir von anderen Menschen etwas zu erleiden haben, auf Gott schauen müssen und nicht beim Menschen stehenbleiben dürfen, durch den Gott seine »Rute« führt. Das geht nur in einem großen Vertrauen auf den Herrn, mit Blick auf seine väterliche Liebe, die er uns nie entzieht. Gewiß ist dies nicht immer sofort und leicht zu verstehen, aber wir sollen es in der konkreten Situation einüben.

Bei den Zulassungen Gottes ist es nicht etwa so, daß seine väterliche Liebe uns entzogen wäre, sondern Gott möchte uns wachsen und reifen lassen. Vergessen wir nie, daß unser Herr am Kreuz gesagt hat: “Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.” (Lk 23,34). Diese Liebe sollen wir nicht nur bewundern, sondern auch nachahmen. Dazu bedarf es der Umformung durch unseren Vater. In diesem Zusammenhang ist »die Rute« zu verstehen. So ergeht eine Einladung durch den Herrn an uns, jene sogar zu bedauern, die sich selbst Schaden zufügen, während wir geistlichen Nutzen aus ihrer Befleckung ziehen.