“Wir ermahnen euch, daß ihr nicht vergeblich die Gnade Gottes empfangt. Denn er spricht: Zur Gnadenzeit erhöre ich dich, am Tag des Heils helfe ich dir. Seht, jetzt ist die Zeit der Gnade, jetzt ist der Tag des Heils.” (2 Kor 6,1-2)
Mit dieser Mahnung empfängt uns der Apostel Paulus am ersten Fastensonntag und schickt uns weiter auf unseren Weg in dieser heiligen Zeit. Ursprünglich begann die Fastenzeit erst an diesem Sonntag. Er gilt sozusagen als zweites Eingangstor nach dem Aschermittwoch in diese große Zeit der Buße. Wenn wir dieses Bild aufnehmen, dann steht über dem Tor geschrieben: Nutze die Zeit der Gnade!
Mit der heilsamen Erinnerung an unsere begrenzte kreatürliche Wirklichkeit am Aschermittwoch: – “Bedenke, Mensch, daß du Staub bist und wieder zum Staub zurückkehrst” – wurden wir auf den Weg der Umkehr geschickt. Nun werden wir beim zweiten Eingangstor zur Wachsamkeit gemahnt, damit wir die Zeit der Gnade voll ausschöpfen. Gewiß ist seit dem Kommen unseres Herrn auf diese Erde und besonders seit seinem Tod und seiner Auferstehung die Zeit der Gnade und die Tür zum Herzen Gottes immer weit geöffnet. Und doch gibt es in dieser großen Perspektive bestimmte Zeiten, in denen sich die Gnade Gottes sozusagen verdichtet. Diese Bußzeit vor Ostern ist eine solche Zeit.
Versuchen wir also, auf diesem Weg nicht müde zu werden und einzuschlafen, sondern Öl zu sammeln, wie es die klugen Jungfrauen im Evangelium zur Verfügung hatten, als der Herr erst zu später Stunde kam (vgl. Mt 25,1–13). Und vergessen wir nie: Wir leben auf die Wiederkunft unseres Herrn zu und warten auf ihn. Er soll uns als gute Arbeiter in seinem Weinberg vorfinden.
Paulus stellt der Gemeinde die unzähligen Mühen vor Augen, welche die Apostel auf sich genommen haben, um den Herrn zu verkünden. Er zählt uns auf, was sie alles mit der Gnade, die der Herr ihnen für den Dienst schenkte, verrichten konnten. Sie mühten sich mit allen Kräften, niemandem Anstoß zu geben, damit ihr Amt nicht in Verruf kam. Vielmehr sollten sie der Gemeinde als Vorbild dienen, um sie zu ermutigen und zur Nachahmung anzueifern.
In der heutigen Lesung (2 Kor 6,1–10 – bitte ganz lesen!) kommt Paulus zu folgender Feststellung: “Wir erweisen uns in allen Stücken als Diener Gottes durch das Wort der Wahrheit, durch Gottes Kraft, durch die Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken”.
Mit diesen Worten macht uns der Heilige Paulus also auf den geistlichen Kampf aufmerksam, zu dem wir als Jünger unseres Herrn gerufen sind. Im Epheserbrief beschreibt er sehr gut, daß wir gegen Fürsten und Gewalten zu kämpfen haben, gegen die bösen Geister im Himmel (vgl. Eph 6,10–18). Diese Wirklichkeit wird uns im heutigen Evangelium sehr deutlich vor Augen gestellt (Mt 4,1–11), denn der Herr selbst wird vom Teufel versucht, als es ihn am Ende seines vierzigtägigen Fastens hungerte.
Die dreimalige Versuchung des Herrn, die er zurückweist, macht uns einerseits klar, daß es Jesus ist, der sie für uns alle zurückgewiesen hat, sodaß wir dies ebenfalls in seinem Namen tun können. Andererseits ist es eine Anleitung, wie wir mit den listigen Angriffen des Teufels umzugehen haben.
Betrachten wir die letzte der drei Versuchungen etwas genauer, jene, die die Verworfenheit des Satans am deutlichsten aufzeigt.
Zunächst gilt es zu verstehen, daß wir es beim Teufel mit einem gefallenen Engel zu tun haben, der einen vermessenen Geist besitzt. Einst war er ein herrlicher und hoher Engel, dessen Sturz wir bis heute zutiefst beklagen können. Er hat sich jedoch aus Stolz und mit vollem Bewußtsein von Gott abgewendet und ist daher in seinem Wesen pervertiert und böse. In diesem Zustand hält Satan an seiner Verblendung fest, und versucht nun, sich auf der Erde an die Stelle Gottes zu setzen.
“Abermals nahm der Teufel Jesus mit und führte ihn auf einen sehr hohen Berg, zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit und sprach zu ihm: „Dies alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest” (Mt 4,8–9).
Diese Versuchung konnte den Sohn Gottes nicht erreichen, und Jesus wehrte sie für uns ab: “Weiche, Satan! Denn es steht geschrieben: den Herrn, deinen Gott, sollst du anbeten und ihm allein dienen.”
Die Vermessenheit des Teufels ist darin deutlich zu erkennen, wenn er, der nur ein Geschöpf ist, Anbetung für sich selbst verlangt. Mit dieser Absicht sind all seine Unternehmungen zu verstehen, mit denen er an die Menschen herantritt. Dabei hält er diese Haltung oft mehr verborgen, um zu täuschen. Er will den Menschen, das geliebte Kind Gottes, zum Ungehorsam gegenüber Gott führen, so wie er selbst es gegenüber Gott geworden ist.
Wie oft werden Menschen dieser Versuchung erliegen – der Versuchung zur Macht und, noch deutlicher, zum Mißbrauch der Macht? Wie oft werden wohl die besonders »Erfolgreichen«, die große Einflußmöglichkeiten haben, der Versuchung zum Stolz erliegen, wenn sie nicht einen festen Halt im Glauben haben, der sie davor zu schützen vermag?
Der Stolz ist immer unser großer Feind, der unser Herz leicht verschließt und uns innerlich aufbläht. Es ist auch nicht immer einfach, den eigenen Stolz zu erkennen. Deshalb sollten wir den Herrn sehr bitten, alle Formen des Stolzes in uns aufzudecken, damit wir diesen Ungeist zu ihm tragen und nicht blind für uns selbst sind.
Ein demütiges Herz kann der Teufel nicht ertragen, ein Herz, wie das unseres Herrn in der Wüste! Ein solches Herz kann in der Kraft Jesu und mit seinen eigenen Worten allen Versuchungen zum Stolz begegnen: “Weiche Satan! Denn es steht geschrieben: Du sollst den Herrn, deinen Gott, anbeten und ihm allein dienen.”
Mit einer echten kreatürlichen Demut, die alles Gott zuschreibt, die wachsam den Weg der Nachfolge geht und alle Gnadenmittel, die uns angeboten werden, richtig nutzt, können wir in der Kraft des Herrn den Teufel zurückweisen, denn – wie der Heilige Paulus uns versichert: “Gott ist getreu; er wird euch nicht über eure Kräfte versuchen lassen, sondern bei der Versuchung auch den Ausgang geben, sodaß ihr ausharren könnt.” (1 Kor 10,13)
Die »Blume« des heutigen Tages:
Die Zeit der Gnade nutzen und den Stolz überwinden.
Betrachtung nach der Leseordnung des Novus Ordo:
zum Tagesevangelium: https://elijamission.net/die-versuchungen-jesu/#more-8490
