Wir setzen die gestern begonnene Betrachtung über die Tugend der Keuschheit fort.
In einer Zeit, die von ständiger Reizüberflutung geprägt ist, ist jedoch für alle ein Höchstmaß an Aufmerksamkeit erforderlich, um die Tugend der Keuschheit zu schützen. Dies gilt sowohl nach außen als auch nach innen.
Die Heilige Schrift macht uns darauf aufmerksam, daß unser Leib der Tempel des Heiligen Geistes ist.
“Meidet die Unzucht! Jede Sünde, die der Mensch tut, bleibt außerhalb des Leibes. Wer aber Unzucht treibt, versündigt sich gegen den eigenen Leib. Oder wißt ihr nicht, daß euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt und den ihr von Gott habt? Ihr gehört nicht euch selbst; denn um einen teuren Preis seid ihr erkauft worden. Verherrlicht also Gott in eurem Leib!” (1 Kor 6,20)
Eine Verherrlichung Gottes in unserem Leib geschieht dann, wenn wir in der Keuschheit leben und Gott so dienen.
“Daher soll die Sünde nicht mehr in eurem sterblichen Leib herrschen, sodaß ihr seinen Begierden gehorcht. Stellt eure Glieder nicht der Sünde zur Verfügung als Waffen der Ungerechtigkeit, sondern stellt euch Gott zur Verfügung als Menschen, die aus Toten zu Lebenden geworden sind, und stellt eure Glieder als Waffen der Gerechtigkeit in den Dienst Gottes!” (Röm 6,12–13)
Durch die häufige Betrachtung und Vergegenwärtigung der Worte der Heiligen Schrift, vermag uns die Würde des Leibes tiefer bewußt zu werden. Der Leib darf durch den Mißbrauch der Geschlechtlichkeit nicht zu einem Tempel der Unreinheit werden!
Die Versuchungen, die die körperliche Reinheit betreffen, können unterschiedlich intensiv sein. Manche Menschen sind sehr davon geplagt, andere weniger. Man sollte sich hüten, auf jene herabzuschauen, die stärker betroffen sind, und sich überlegen zu fühlen, wenn dies bei einem selbst weniger der Fall ist. Stattdessen sollten wir einander mit Gebet und gutem Beispiel schützen.
Der Kampf um die körperliche Reinheit ist entschlossen zu führen. Hilfreich dafür ist ein Wort des heiligen Don Bosco, das wir verinnerlichen sollten:
“Mit ganzer Kraft werde ich alles bekämpfen, jede Lektüre, jeden Gedanken, alle Worte und Werke, die unvereinbar sind mit der Tugend der Keuschheit. Im Gegenteil will ich alles, und sei es noch so geringfügig, praktisch üben, was dazu beitragen kann, diese Tugend zu erhalten.”
Schlüpfrige Reden, unreine Scherze und Andeutungen jeder Art sind daher zu vermeiden.
Der Kampf um die Bewahrung der Reinheit wird umso fruchtbarer geführt, je mehr wir verstehen, daß der Aufruf zur Keuschheit das ganze Leben umfaßt. Es geht darum, daß all unser Denken und Handeln von der göttlichen Reinheit durchtränkt ist. So wie sich der schamhafte Mensch einer unreinen Umgebung entzieht, weil er keine Verletzung dieser Sphäre zulassen will und so die Keuschheit schützt, so will auch die geistliche Keuschheit sich jeder Unreinheit des Geistes entziehen.
Wir müssen uns darüber klar werden, daß der Heilige Geist in uns wohnt und nicht nur durch unzüchtige Handlungen und Reden, die mit dem geschlechtlichen Bereich zu tun haben, beleidigt wird, sondern durch alle Haltungen und Handlungen, die der Liebe widersprechen. Sie sind in ihrem Kern unrein und widersprechen der göttlichen Ordnung. Der Heilige Geist ist der Heilige in uns Unheiligen. Er ist es, der uns immer vergegenwärtigt, was heilig ist, und der uns wahrnehmen läßt, was der Heiligkeit widerspricht.
Hier stoßen wir auf den tieferen Kern dessen, was die Keuschheit ausmacht. Wir können sie die Antwort auf die reine Liebe nennen, die in uns eingegossen ist. Das Leben, das wir in Keuschheit führen, sowie jede bewußte Verteidigung der Keuschheit auf allen Ebenen, sind ein liebendes Ja zu Gott, der unsere Seele erschaffen hat. Der Heilige Gregor von Nazianz beschreibt dies sehr schön:
“Nicht der Himmel ist nach dem Bilde Gottes geschaffen worden, nicht der Mond, nicht die Sonne, nicht die Schönheit der Sterne, nichts anderes, was es in der Schöpfung gibt. Nur du, [menschliche Seele], bist Bild der Natur geworden, die allen Verstand übersteigt, Ebenbild unvergänglicher Schönheit, Abdruck wahrer Göttlichkeit, ein Sammelbecken des seligen Lebens, Abbild des wahren Lichtes – du wirst wie Er, wenn du es anschaust, denn durch den Glanz, der durch deine Reinheit zurückstrahlt, ahmst du Denjenigen nach, der in dir leuchtet.”
Die Keuschheit wird also zur Wächterin, die die Schönheit und Unversehrtheit der ursprünglichen Reinheit und Lauterkeit der Seele bewahrt. Sie wird so auch zur Zeugin dessen, der durch den Geist in ihr leuchtet, zur Zeugin für die Herrlichkeit Gottes.
