Auszug aus einem Brief an Bischof Fridolin (derzeit Administrator der Diözese Kole) über das Thema der Magie im Leben der Congolesen.

Grundsätzlich habe ich den Eindruck, daß bei nicht wenigen Congolesen die Magie noch eine relativ bedeutsame Rolle in ihrem Leben spielt. Das muss nicht in einer konkreten Praxis der Magie bestehen, aber sie wirkt sehr gegenwärtig in Gedanken, Befürchtungen und tief sitzenden Ängsten – auch im Unbewussten der congolesischen Seele.

Es fällt mir immer wieder auf, daß auch bei gebildeten Congolesen irrationale Überlegungen und Wirklichkeitsbeschreibungen vorzufinden sind und das gilt leider auch für Katholiken.

Es scheint so, als ob das Evangelium nicht wirklich diese Art des Denkens auflösen und durchdringen konnte, um es in einen christlichen Realismus zu überführen, welcher eine gesunde Rationalität in sich trägt.

Erstaunlicherweise werden bestimmte Überzeugungen auch bei Christen, die dem magischen Denken entspringen, als Wahrheiten gehütet, welche man sogar gegenüber Menschen verteidigt, die sie in Frage stellen. Vielleicht wird sogar vermutet, daß wir Europäer uns in diesen Bereich des Lebens nicht auskennen, während die Afrikaner noch um diese Dinge wissen. Wenn jedoch die befürchteten Erwartungen nicht eintreffen, führt dies kaum dazu die eigene Denkweise zu überdenken. In diesem Kontext sollte man auch prüfen wie weit die magischen Vorstellungen mit der Coutume (Traditionsverhalten) verquickt sind und daher als solche gar nicht identifiziert werden.

Möglicherweise wurde in den ersten Zeiten der Verkündigung des Evangeliums dieser magische Bereich wenig beachtet oder durch einen zu kurz greifenden Rationalismus in Frage gestellt, ohne ihn in seinen dämonischen Komponenten zu erklären und daher den Weg zu einem besseren Verständnis zu öffnen. Eine evtl. reine Negation dieses magischen Bereiches wäre sehr unbiblisch, denn der heilige Paulus erklärt uns klar, sich die Dämonen sich hinter einer derartigen Praxis und Denkens verbergen können. Die Menschen werden so in der Angst und auch in der Verwirrung gehalten!

Mir fällt auf, daß es tatsächlich bei vielen Congolesen noch eine Art „Heidenangst“ gibt, wie wir es im deutschen Sprachgebrauch als Ausdruck kennen. Sobald eine unsichere oder bedrohliche Situation in das Leben tritt, spürt man häufig eine angstvolle Reaktion, die dann noch zudem nicht selten mit obskuren Befürchtungen verbunden ist. Gerade diese Art der Befürchtungen scheinen mir noch vom magischen Denken direkt oder indirekt beeinflusst zu sein.

Die Coutume spielt noch eine große Rolle im Leben der Congolesen und müßte im Licht des Evangeliums gut beleuchtet werden. Was ist davon gut oder akzeptabel, was ist harmlos und was ist hingegen noch von der Art eines Denkens und Empfindens beeinflusst, welche im Widerspruch zu den Werten des Evangeliums steht? Selbst gute Katholiken scheinen manche Praktiken der Coutume wie selbstverständlich zu übernehmen, ohne sie im Licht des Evangeliums zu beurteilen. Sehr problematisch würde es jedoch, wenn sogar Priester sich nicht von jenen Elementen der Coutume freimachen können, die mehr als fraglich sind.

Alles in allem kann ich sagen, daß mir dieses Problem als ein nicht zu unterschätzendes Hindernis erscheint, sowohl auf dem Weg der Evangelisierung, als auch in der notwendigen menschlichen und sozialen Entwicklung. Hier werden die natürlichen Kräfte des Menschen gebunden und in eine gewisse Abhängigkeit des magischen Denkens und Empfinden gebracht. Darin könnte auch eine Ursache liegen, warum ein gewisses positives rationales Denken noch nicht überall eingesetzt hat und daher die Vernunft oft der Emotionalität unterliegt!

Für die Congolesen ist es in der Regel einfach, Gott als die Erstursache bestimmter Geschehnisse zu verstehen, aber leider fast ebenso leicht, manche negativen Umstände auf magische Einflüsse zurückzuführen. Die Zweitursachen jedoch, durch welche Gott häufig wirkt – nämlich durch die menschlichen Fähigkeiten, durch das Licht der Vernunft u.s.w. – wirken noch nicht genügend wahrgenommen und genutzt!

Was wäre also zu tun?

Aus der Sicht des Glaubens müßte eine verstärkte Verkündigung des Evangeliums geschehen, welche sich auch diesen kritischen Bereichen zuwendet. Eine klare Aufklärung ist nötig, wie sich der Feind des Menschen dieser magischen Denkweise und der Praxis bedient, um die Menschen zu täuschen, in Angst und Abhängigkeit und so in einem nebulösen Dasein zu halten.

Damit verbunden braucht es die Verkündigung des Sieges Jesu über die Mächte der Finsternis und mit dem Beistand Gottes und den eigenen Anstrengungen, die Angst in diesem Bereich zu überwinden.

Diese Formung müßten natürlich zuerst die Seminaristen und Priester bekommen, damit sie in ihrem eigenen Leben klar unterscheiden, was in Bezug auf dieses Thema dem Evangelium entspricht und was ihm widerspricht. Die Gläubigen sollten bewußt dazu angehalten werden aller magischen Praxis abzusagen und ihr Denken durch das Licht des Evangelium zu verändern. Dazu werden dauerhafte Anstrengungen nötig sein. Begleitet werden sollte die vertiefte Verkündigung in diesem Bereich von der Anwendung der Vollmacht eines Priesters im Namen Jesu die Kräfte des Bösen konkret zu binden. In die Seelsorge müßte einfließen, wie man Menschen begegnet, die sich mit der Praxis der Magie beschäftigt haben und unter den konkreten Einfluß der obskuren Mächte geraten sind.

In den Pfarreien sollten schon die Kinder und Jugendlichen mit der befreienden Botschaft des Evangeliums in Berührung kommen, und so die Grundlagen für die Überwindung des magischen Denkens und Handelns gelegt werden. Hinzu kommt, daß eine gesunde rationale Formung auch die Irrationalität des magischen Denkens besser wahrnehmen kann. Wenn diese von einer klaren geistlichen Schulung des Evangeliums begleitet wird, kann ein Hindernis für den geistlichen und menschlichen Fortschritt überwunden werden.

Wichtig ist- und ich hoffe, daß dies bei der congolesischen Bischofskonferenz ausreichend geschehen ist – dieses Thema sehr ernst zu nehmen und entsprechende Maßnahmen einzusetzen. All dies könnte begleitet werden von einer Gebetskampagne, welche gerade auch für dieses wichtige Thema Gott um Hilfe bittet, neben den anderen Nöten dieses Landes.

Hier in Lokoko versuchen wir sanft, aber immer wieder deutlich, auf dieses Thema einzugehen. Es zeigt sich , daß sehr langfristig gearbeitet werden muss, es sei denn Gott schenkt durch eine starke Bekehrung ein klares Licht, daß der Betroffene sich selber von diesen Obskuritäten löst.

Sie selbst werden unzählige Bespiele dieses Denkens und Handelns kennen! Wir hingegen sind immer wieder erstaunt, welche Blüten diese vorrationalen Denkweisen hervorbringen. Selbst gestandene Lehrer sagen uns, wenn wir eine rote Schlange erschlagen haben, daß diese dann den anderen Schlangen Bescheid sagt,damit sie sich rächen. Oder der Direktor einer großen Schule erklärt uns, daß ein Leopard der gesichtet wird kein echtes Tier sei, sondern ein verwandelter Mensch und vieles, vieles mehr.

Da gilt es noch ein Teil des Weges zurückzulegen, der in Europa gegangen wurde und unser Denken von vielen Irrationalismen befreit hat.

Sicher wäre dies eine große Aufgabe welche die Kirche intensiv angehen muß. Die Kirche weiß, daß es durchaus dunkle Mächte gibt, deren Einfluss aber eine Einschränkung durch Gott hat! Wir können im ganzen Vertrauen auf Gott und im festem Glauben ohne Angst vor diesen Mächten durchs Leben gehen, denn der Herr Jesus Christus hat sie überwunden. Diese Realisation des Sieges Christi muss durch den Dienst der Kirche konkret geschehen.

Elija, Lokoko 09-11-2012